19th Mai 2011

Eintrag mit 15 Anmerkungen

Eine moderne Begründungslegende der Moral

Torge Naß (2011)

Vor langer Zeit lebten unsere Urahnen ein aus unserer Sicht sehr viel weniger entwickeltes Leben. Es fehlte ihnen an Wissen über die Welt und Möglichkeiten zur Umsetzung ihrer Wünsche. Doch ihr Geist war bereits voll entwickelt. So machten auch sie sich viele Gedanken über die Zusammenhänge, welche sie um sich herum beobachten konnten. Irgendjemand musste schließlich einmal den Anfang machen. Dabei erkannten sie, dass sehr viele Dinge zweckmäßig sind. Die Sonne wärmte und spendete Licht, was dem Leben der Menschen sehr zuträglich war. Pflanzen und Tiere dienten als Nahrung und bilden einen sich bedingenden und erhaltenden Kreislauf. Es gab so etwas wie Liebe, welche dafür sorgte, dass zwei Menschen zusammenblieben um sich um ihre Kinder zu kümmern.

Aber nicht nur das bereits auffindbare war zweckmäßig. Ein Stein ließ sich so bearbeiten, dass man ihn als Werkzeug oder gar Waffe einsetzen konnte. Aus Tierfellen konnte man hervorragende Kleidung anfertigen. Gebratenes Fleisch war haltbarer und machte seltener krank. Auf diese Weise entstand Zweckmäßigkeit durch die Planung und Umsetzung der Menschen, der Stein wurde nicht von selbst zu einem Messer oder einer Pfeilspitze. Es schien plausibel, dass auch der Regen nicht von selbst zum Bewässern der Felder diente und so viel Essbares auf den Wiesen und in den Wäldern wuchs. Wo kam überhaupt all das her? Es musste jemanden geben, der alles erschaffen und so wohl geordnet hatte. Also begannen unsere Urahnen an Götter zu glauben, die für all dies verantwortlich waren. Natürlich zeigte man sich ihnen gegenüber in großer Dankbarkeit. Man stelle sich bloß eine Welt vor, in welcher der Regen nicht nach unten fällt sonder nach oben entsteigt! Nein, die Welt war von Göttern zweckmäßig eingerichtet worden.

Nicht alle unsere Urahnen lebten auf die gleiche Weise. Manche waren noch als Jäger und Sammler unterwegs, während andere bereits als Bauern lebten. Mühsam bearbeiteten sie den Boden, pflanzten, säten und ernteten. Dabei verloren sie immer wieder Erträge an Dürren oder Überschwemmungen, wodurch sie noch härter arbeiten mussten. Aber am Ende zahlte sich die Mühe aus, denn sie hatten viel und gut zu essen.

Natürlich waren manche in diesem Leben erfolgreicher als andere, denn sie siedelten in besserer Lage, hatten sich bessere Techniken erarbeitet und waren zahlreicher oder fleißiger. Das brachte eine weitere Lebensweise hervor, die der Räuber. Es war viel einfacher und lohnender, einfach Bauernsiedlungen zu überfallen und zu plündern, als selbst etwas anzubauen. Es kann nicht überraschen, dass dies auch geschah. Bewaffnet und unangekündigt fielen Räuber in die Dörfer ein, erschlugen wehrhafte Männer und vergewaltigten oder verschleppten Frauen. Dann nahmen sie so viel Nahrung mit, wie sie tragen konnten – bald werden sie sich sogar Schlitten oder Karren gefertigt haben, damit sie noch mehr tragen konnten.

Die Überlebenden eines solchen Überfalls werden diese Ereignisse nicht gerade begrüßt haben. Das ganze Jahr über hatten sie hart geschuftet und nun wurde ihnen alles weggenommen, nicht nur die Ernte, sondern auch Väter und Mütter, Brüder und Schwestern, Töchter, Ehemänner. Zudem gab es viel Schmerz zu beklagen. Was hier vorgefallen war, war zweifellos schlecht für die Betroffenen – wenn auch ganz gut für die Räuber. Wie sollte man nun weitermachen? Um zu überleben konnte man entweder wieder als Jäger und Sammler leben, aber das hieße viele der Vorteile aufzugeben, die man sich erarbeitet hatte. Allerdings würde es zu lange dauern, völlig neu auszusäen. Man würde also lange Zeit ein ärmliches und schwieriges Leben führen müssen, bevor es ihnen wieder besser ging. Oder sie würden nun ihrerseits anfangen, andere Dörfer auszurauben – ein nicht ungefährliches Geschäft. Und die ausgeraubten Dörfer würden vor denselben Problemen stehen, wie sie es nun taten. Bald würde keiner mehr etwas anbauen, den man dann ausrauben könnte.

Das Ganze war doch offensichtlich nicht zweckmäßig. Die Welt war von den Göttern aber zweckmäßig gebaut worden. Man befragte die Priester und diese waren sich sehr bald sicher, dass die Räuber nicht im Sinne der Götter gehandelt hatten. Deswegen beschloss man, dass sie keine Räuber werden wollten. Schließlich hatten die Götter so viel für sie getan, wenn man dann gegen ihren Willen handelte, würde man sicher ihren Zorn auf sich ziehen. Immerhin brächte man die von ihnen gewollte Ordnung durcheinander. Man entschied sich also, das beschwerliche Leben auf sich zu nehmen und den Göttern zu danken, sie aber auch um Beistand zu bitten. Vielleicht konnten Geschenke sie dazu bewegen, diesen auch zu leisten? Auf jeden Fall mussten Verstoße gegen die göttliche Ordnung bestraft werden. Zunächst von den Göttern selbst; als man sah, dass die Strafe der Götter zu lange auf sich warten ließ, um Menschen ernsthaft abzuschrecken, übernahm man aber schnell selbst diese Aufgabe.

Mit der Zeit entdeckte man auch immer mehr Verhalten, welches nicht im Sinne der Götter sein konnte – rauben, töten, betrügen waren nur der Anfang. Und man begann ein Regelwerk zusammenzutragen. Dabei verwechselten sie leider zunehmend die Zwecke der Götter mit den eigenen, wodurch dieses Regelwerk schon bald sehr nützlich schien, aber über die Generationen hinweg mehr und mehr den Bezug zu seinem Ursprung verlor. Bis keiner mehr wusste, wie die Regeln der Moral einmal zustande gekommen waren und welchen Status sie tatsächlich hatten. Dafür nahm man sie in die Erziehung und damit in die Gefühlswelt auf. Es schien schon bald, als würde ein grundlegendes Verständnis für die Moral den Menschen innewohnen. Noch heute suchen viele Menschen nach der wahren Begründung der Moral, obwohl gerade sie nicht mehr an die Existenz irgendwelcher Götter glauben.

Ob die Dinge sich wirklich so zugetragen haben wissen wir heute nicht mehr. Sie könnten schon lange vor dem Ackerbau oder auch gar nicht passiert sein. Aber das haben Legenden nun einmal an sich.

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  1. von grenzauslotung gepostet